Einleitung
Claude Debussys
musikalische Umsetzung von Stéphane Mallarmés L'après Midi D'un Faune gehört
zu den bemerkenswertesten Werken des musikalischen Impressionismus. Die ungemein
vielfältigen klangmalerischen Figuren, die tonale Ambiguität sowie die ungewöhnliche
Instrumentierung transportieren die Stimmung des Gedichts über die nachmittäglichen
Träumereien eines Fauns in ein anderes Medium, ohne den Text auf konkrete Bilder und
Geschehnisse einzuengen. Der in der Musikkritik wiederholt unternommene Versuch, die
musikalischen Aspekte der Prélude in direkten Zusammenhang mit dem Inhalt des
gleichnamigen Gedichts von Mallarmé zu rücken, führte entweder zu konstruierten
Bezügen oder verirrte sich in unüberprüfbaren Hypothesen. Im folgenden soll eine
Analyse der Dichtungstheorie Mallarmés die Ausgangslage für Debussys Komposition
darstellen. Darauf aufbauend kann die Frage nach direkten und indirekten Zusammenhängen
einzelner kompositorischer Aspekte im Bereich der Dichtung und Musik neu beleuchtet
werden.
1. Mallarmés Dichtungstheorie
1.1. Mallarmé und der französische Symbolismus
Der am 18. März 1842 in
Paris geborene Dichter Stéphane Mallarmé war Vertreter einer literarischen Bewegung in
Frankreich, die unter dem Namen Symbolismus im späten 19. Jahrhundert nachhaltigen
Einfluß auf Kunst und Musik ausgeübt hat. Mit prominenten Vertretern wie Charles
Baudelaire, Arthur Rimbaud und Paul Verlaine rebellierte der französische Symbolismus
gegen realistische Darstellungsweisen in Prosa und Poesie. In Anlehnung an die
dichtungstheoretischen Ausführungen des amerikanischen Romantikers Edgar Allan Poe(1)
in The Philosophy of Composition (1846) und The Poetic Principle
(1848), aber auch an antike Vorstellungen von einer Korrespondenz zwischen der
physikalischen Welt und den spirituellen Sphären schrieben die Symbolisten suggestive und
musikalische Verse, die voll von vieldeutigen assoziativen Symbolen waren. Im Alter von 30
Jahren beschäftigt sich Mallarmé mit der Dichtungstheorie von Poe und fertigt eine
Übersetzung seiner wichtigsten Werke an. Die Kunsttheorie des französischen Poeten
kreist um die Vorstellung, daß direktes Benennen von Gefühlen und Natureindrücken einem
Zerstörungsakt gleichkomme. Dagegen sah er im Suggerieren, Andeuten und Einfühlen eine
neue Möglichkeit, sich dem Gehalt des zu Beschreibenden anzunähern. Der künstlerische
Schaffensprozeß äußert sich somit nicht im Konkreten sondern im Vagen. Mallarmé
definiert Symbolismus als die Kunst, ein Objekt Schritt für Schritt zu evozieren, als ob
man eine Stimmung darzustellen versuche. Mit anderen Worten, der Symbolismus versteht sich
als Entkleiden eines Objektes, bis schließlich sein Seelenzustand erkennbar wird.(2)
Bereits mit 19 liest Mallarmé Baudelaire und veröffentlicht nur ein Jahr später im
Alter von 20 Jahren sein erstes Essay Hérésies artistiques. LArt pour
tous (Ketzereien. Die Kunst Betreffend. Die Kunst für alle) in einer
Literaturzeitschrift.(3) Das Aufbegehren gegen Institutionen,
konventionelle Denkweisen in der Kunst und das Durchbrechen von Regelsystemen wird für
den Symbolisten zur entscheidenden impulsgebenden Kraft während seines Schaffens. In dem
frühen Essay spricht er bereits die Themen an, die ihn sein ganzes Leben lang
beschäftigen werden. Der Künstler solle keiner anderen Instanz gehorchen als den
immanenten Gesetzen seiner Kunst. Die Kunst ist etwas Heiliges und besitzt mystische
Aspekte, die sonst nur bei Religionen zu finden sind. Damit folgt Mallarmé den Vorgaben
des spätviktorianischen Poeten Matthew Arnold, dessen Kunsttheorie des vacant shrine
der Literatur den Status einer Ersatzreligion zuordnete. Ebenso finden sich Parallelen zu
Skrijabins Vorstellung einer mystischen Verbindung zwischen Klang, Musik und Literatur.
Über die erfühlten Gesetze der Kunst leitet Mallarmé eine impressionistische
Dichtungstheorie ab, der er den Namen poési pure gibt. Poesie erlangt die
Aura des Erhabenen; der Dichter nimmt die Rolle eines inspirierten Genies ein. Die ideale
Leserschaft Mallarmés besteht aus einer elitären Gruppe von Eingeweihten. 1865
beschäftigt sich der Autor in dem Essay Symphonie litteraire mit Musik und
Poesie, deren Verbindung mehr und mehr sein Denken bestimmen sollte. Seit Mallarmé als
Professor 1884 am Lycee Janson de Sailly tätig ist, setzt er sich ausführlich mit der
Philosophie und Musik Wagners auseinander.
1.2. Mallarmés La musique et les lettres
Mallarmés Schrift La musique et les lettres ("Zur Musik und der
Literatur/den Worten") aus dem Jahre 1876 ist ein Essay über die Zusammenhänge der
beiden Medien Musik und Literatur. Zugleich stellt es eine exemplarische Veranschaulichung
der darin enthaltenen theoretischen Überlegungen dar. Mallarmé geht es um die Aufhebung
der Unterscheidung zwischen Musik und Literatur. Der Autor wählt dazu spannungsgeladene
Wortkonstellationen, in denen es nicht darum geht, die Wirklichkeit zu benennen und real
abzubilden (wie dies etwa in zeitgenössischen Zeitungsberichten der Fall war); vielmehr
soll ihre Qualität in dem Klang, dem Vagen, der Freude an der Eigendynamik,
Mehrdeutigkeit, dem Symbolgehalt der Worte liegen. An einer Stelle fragt sich der Autor
selbst, wozu das alles diene. Die Antwort lautet: Zu einem Spiel.(4)
Ein Spiel definiert sich aus der Tätigkeit von Tier und Mensch ohne unmittelbaren
Bezug zum Ernstverhalten, wenn es auch mittelbar auf das Ernstverhalten bezogen ist.(5)
Es handelt sich also um einen spielerischen Umgang mit Musik und Worten, dessen Bezug zur
Wirklichkeit zwar vorhanden aber unbestimmt ist. Dementsprechend fragt Mallarmé gleich zu
Beginn seines Textes: etwas wie Literatur, existiert das eigentlich?(6)
Doch spielerische Unbestimmtheit darf nicht mit Zweckfreiheit verwechselt werden, wie dies
bei Hugo Friedrich geschieht. Wenn Friedrich die absolute Freiheit des kreativen Geistes
als Spiel vollkommen losgelöst von Lebensprozessen sieht und daraufhin sie in die Nähe
einer Lüge bringt(7), entfernt sich seine Interpretation
maßgeblich von Mallarmés Bemühungen zu einer zwar freieren aber damit intensiveren
Lebenserfahrung zu gelangen. Der Autor lädt seine Leser zu einer illusionären Reise in
die Vorstellungswelt ein.
Die im Text gewählte Bezeichnung Rätselfrage verweist bereits auf etwas
Geheimnisvolles, dessen Entschlüsselung
spielerisch gelöst werden kann. Die Lösung liegt nicht in einem systematisch dargelegten
Theoriegebäude, sondern in mosaikartig miteinander verbundenen Satzfragmenten, in
Anspielungen und in Wortspielen, die einer "literarischen Partitur" gleichen.
Ein derartiger Balanceakt zwischen Konkretem und Unbestimmtem hebt den Text stark von
traditionellen Schreib- und Lesegewohnheiten ab. Mallarmé kontrastiert den Künstler mit
seiner Umwelt als jemanden, der die geistigen Begrenzungen zu überwinden vermag.
Ein Mensch kann hervortreten, in aller Vergessenheit doch niemals sollte man
die Absicht ignorieren -, aus der intellektuellen Versperrung seiner Zeitgenossen.(8)
Der Künstler besitzt eine besondere Sensibilität, die es ihm erlaubt, die Welt
gedanklich zu durchdringen. Er ist mit den Worten Mallarmés ein Grenzgänger zwischen
Himmel und Erde, ein edenischer Erdenbürger, ein Magier.(9)
Die impulsgebende Kraft ist eine transzendente. Sie befreit den Künstler von der
einengenden Wahrnehmungsweise der Umwelt, die letztlich nur eine Illusion darstellt.
Wir wissen, Gefangene einer absoluten Formel,
daß, sicherlich, nur ist, was ist. Sofort indessen unter einem Vorwand den Köder aus dem
Weg zu schaffen bezichtigte uns der Inkonsequenz, indem wir den Genuß verleugneten, auf
den wir aus sind: denn dieses Jenseits ist sein Agens und sein Motor, möchte ich sagen,
wenn mir nicht widerstünde, es öffentlich zu unternehmen, ruchlos die Fiktion zu
demontieren und folglich den Mechanismus der Literatur, um das Kernstück auszubreiten
oder nichts.(10)
Dieses sogenannte Kernstück sieht Mallarmé in der Benennung
der Dinge an sich. Damit nähert er sich der
transzendentalistischen Dichtungskonzeption eines Ralph Waldo Emerson, der über die
Ausbildung einer besonderen Wahrnehmungssensibilität und durch Intuition Kontakt mit dem
Weltgeist (Oversoul) aufnehmen wollte. Dadurch ließen sich die Phänomene als
Dinge an sich beschreiben, das heißt die Idee, deren Symbol sie darstellen.
Nichts anderes versucht Mallarmé als Ziel der Literatur zu beschreiben: Die Dinge sollen
vom Schriftsteller isoliert werden, um im leeren Raum ihre Besonderheit entfalten zu
können.(11) Im Gegensatz zu Emersons essayistischen
Annäherungen an den Gehalt des zu Beschreibenden wählt Mallarmé eine offenere Form. Er
greift auf poetische Strukturen mit und ohne Reimschema zurück. Für die Musik bedeutet
der von Mallarmé so geschätzte leere Raum die Stille; für die Literatur konkretisiert
er sich im weißen Blatt Papier, auf dem die Worte, bzw. das Gedicht niedergeschrieben
werden. Dadurch verleiht er der Sprache etwas Geheimnisvolles und Unbestimmtes. Sie
erlangt wieder Qualitäten, die ihr durch traditionelles, kohärentes Beschreiben und
eindeutiges Benennen genommen wurden. Angstvolle Einstimmigkeit,
Todeskämpfe, Entsetzen und schwindelerregende
Sprünge stellen sich in der Auseinandersetzung mit einer Literatur ein, wie sie
Mallarmé vorschwebt.(12) Daß sich derartige
Gefühlsstimmungen nicht mehr in der zeitgenössischen Literatur einstellen, führt der
Autor in einem späteren Text auf ein einengendes Literatur- und Leseverständnis zurück.
Dabei hebt er mit dem Begriff "Formel" auf die schematisierten Dichtungstheorien
ab, die in der Vergangenheit eine Erwartungshaltung seitens des Rezipienten aufgebaut
haben. Diese gelte es zu durchbrechen. In Mallarmés poetischen Arbeiten geht es nicht
darum, das Wesentliche direkt zu adressieren, sondern es lediglich zu suggerieren.
Die Literatur erleide eine zugleich kostbare als auch fundamentale
Krise, die nur durch Künstler und Leser überwunden werden können, die sich auf
ihre Intuition verlassen.(13) Mit Mallarmés Ausführungen zu
einer unbestimmten Umsetzung von Ideen in Sprache rückt Literatur in die Nähe der Musik,
wie sie unter anderem Schopenhauer in seiner Metaphysik der Musik verstand.
Sie vermag die reinen Ideen, den Weltwillen unmittelbar abzubilden: "Weil die Musik
nicht, gleich allen anderen Künsten, die Ideen, oder Stufen der Objektivation des
Willens, sondern unmittelbar den Willen selbst darstellt."(14)
Worte bilden für Mallarmé ein ähnliches Arbeitsmittel wie Noten bzw. Töne für den
inspirierten Musiker. In Musik und Literatur heißt es folgerichtig:
Gewohnheitsmäßig dieses [die geheimnisvolle,
reine Harmonie] abzupassen, es zu bezeichnen, trifft mich wie eine Verpflichtung dessen,
der das Unendliche entfesselte; dessen Rhythmus beim Anschlagen der Wortklaviatur wie
unter dem Fragen eines Fingersatzes sich dem Gebrauch der Wörter fügt, der passenden,
alltäglichen.(15)
Der Autor spielt auf einem imaginären Instrument, dessen Stimmung nicht
bekannt ist. Der Zuhörer ist jedoch mit den Tönen vertraut, die aus dem
alltäglichen Material bestehen, mit dem er in Gesprächen und Texten tagtäglich
konfrontiert wird. Der Künstler spielt also mit dem Sprachmaterial, hebt es aus seiner
gewohnten Umgebung heraus, um schließlich die Sinngebung der Initiative der Worte selbst
zu überlassen. Ein vergleichbarer Ansatz findet sich in der Musik der Moderne, welche die
Befreiung der Töne aus dem engen Bezugsrahmen der Tonalität forderte. Die Verbindung
zwischen Sprache und Musik liegt in der Repräsentation der Ideen. Insofern verfolgen
beide Medien dasselbe Ziel und unterscheiden sich für Mallarmé nicht im geringsten.
Ich stelle, auf eigene Gefahr hin für den ästhetischen Bereich, diese
Schlußfolgerung auf [
]: daß Musik und Literatur das wechselweise Antlitz, hier zur
Dunkelheit sich weitend, aufleuchtend, da mit Gewißheit, ein und desselben Phänomens
sind, ich nannte es, die Idee.(16) Sprache müsse wieder
mit der Musik verbunden werden und somit in einen Zustand der Ursprache einmünden. Damit
erlangt Sprache wieder die verlorengegangenen musikalischen Qualitäten des Mysteriösen,
des Okkulten und des Mehrdeutigen zurück.
2. Mallarmés dichterische Umsetzung in L'après Midi D'un Faune
Als Mallarmé mit 23 Jahren in
London das Bild "Pan und Syrinx" des berühmten Rokokomalers Francois Boucher
(1703-1770) sah, ließ er sich dazu inspirieren, ein Hirtengedicht zu schreiben, das die
im Gemälde eingefangene Sinnlichkeit, die erotischen Assoziationen und die
Vielfältigkeit der Nuancierung widerspiegelte. In dem insgesamt 110 Zeilen umfassenden
Gedicht L'après Midi D'un Faune versucht Mallarmé die berauschende, flimmernde
Atmosphäre eines arkadischen Sommertages poetisch zu erfassen. Als Protagonisten führt
er einen Faun ein(17), dessen erotisches Verlangen in der
Nachmittagswärme angeregt wird. Müde von der Jagd auf furchtsam fliehende Nymphen und
Najaden, gibt er sich seinen Gelüsten in einem berauschenden Schlummer hin. Damit ist die
unspektakuläre Handlung bereits beschrieben, die dem Gedicht zugrunde liegt. Der Autor
zielt allerdings nicht auf die Erzählung einer Geschichte ab, sondern er interessiert
sich für die Gestaltung einer bestimmten Gefühlssituation, die in diesem Falle das
leidenschaftliche Sehnen des Fauns nach sexueller Erfüllung darstellt. Dafür verwendet
Mallarmé eine Fülle von stilistischen, rhetorischen und satztechnischen Mitteln.
An der äußeren Form fällt auf, daß der Autor frei mit Absätzen umgeht. Nach der
einführenden Anrufung der Nymphen, doch in seiner Gegenwart zu verweilen, folgt bereits
eine neue Zeile. Die zwei Worte "si clair" werden allerdings nicht zu Anfang
gedruckt, sondern folgen in ihrer Position dem Ende des vorhergehenden Satzes. Damit
arbeitet er bereits Pausen in das Schriftbild mit ein und schreibt bestimmten
Versatzstücken eine besondere Bedeutung zu.
Ces nymphes, je les veux peretuér.
Si clair,
Leur incarnat léger, qu'il voltige dan l'air
Assoupi de sommeils touffus.
Aimai-je un rêve?
Mon doute, amas de nuit ancienne, s'achève (18)
Desweiteren fällt der freie Umgang mit dem Wechselspiel von Kursivdruck auf. Zum ersten
Mal verwendet Mallarmé dieses satztechnische Mittel, nachdem der Faun die flachen Teiche
dazu auffordert, von seinem Spiel auf Schilfrohren zu berichten ("Tacite sous les
fleurs d'étincelles, CONTEZ"(19)). Ein zweites Mal
läßt setzt er eine Passage in die kursive Schreibweise, als er mit den Nymphen in
Erinnerungen schwelgt ("O nymphes, regonglons des SOURVENIRS divers"(20)).
Dieser Teil wird durch einen siebenzeiligen Einschub unterbrochen. Zum Schluß kehrt der
Autor wieder zum Standarddruck zurück und beendet sein geheimnisvolles Stimmungsgedicht
mit einem Abschiedsgruß des Fauns. "Couple, adieu; je vais voir l'ombre que tu
devins."(21)
Inhaltlich oszilliert das Gedicht zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Sehnen und
Verlangen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Damit baut Mallarmé Spannungsbogen auf,
die letztlich nicht klar aufgelöst werden und den Leser nur in eine neue Welt
hineingeleiten, ohne ihm weiterhin feste Anhaltspunkte zu geben. Bereits zu Beginn
kontrastiert der Autor die Waldeswirklichkeit mit der liebestollen Trunkenheit des Fauns
und verwischt die Grenzen zwischen tatsächlicher Begebenheit und Phantasiegelüsten.
Mallarmés ausgesprochene Sensibilität für Farben und Klänge kommt in dem Gedicht
nachhaltig zum Tragen. So verwendet er zum Beispiel eine reichhaltige Farbpalette. Dabei
rekurriert er zum einen auf die explizite Beschreibung von farblichen Erscheinungsformen,
wie zum Beispiel rosa Inkarnat ("incarnat"), blaue Augen ("jeux
bleus"), lebendiges weiß ("blancheur animale"), gelbe Stunden
("l'heure fauve"). Zum anderen verwendet er Begriffe, die besonders stark mit
Farben assoziiert werden, wie etwa Rosen ("roses"), Himmel ("ciel"),
Schwäne ("cygnes"), Feuer ("feu"), Blut ("sang") oder Lava
("lave"). Desweiteren spielt der Autor mit verschiedenen Helligkeitsabstufungen:
schattenhaft, hell, transparent oder grau. Eine ähnliche Vielfalt zeigt sich auf der
akustischen Ebene, wenn das Spiel der Flöte den gesamten Hain mit Resonanz erfüllt
("Ne murmure point d'eau que ne verse ma flûte / Au bosquet arrosé d'accords;"(22)),
ihr Klang eine innere Unruhe dem Faun zu nehmen vermag ("Le jonc vaste et jumeau
dont sou l'azur on joue: / Qui, détournant à soi le trouble de la joue"(23)),
oder das Lachen des liebestollen Fauns als heiser rauh beschrieben wird ("Car, à
peine j'allais cacher un rire ardent"(24)). Ein wichtiger
Bestandteil innerhalb Mallarmés Dichtungskonzeption stellt die Klanglichkeit eines Textes
dar. Eine der herausragenden Besonderheiten von L'apres Midi D'un Faune findet
sich in der Verbindung von Klang und Aussage. Bereits zu Beginn des Gedichtes spielt der
Autor mit diesen Aspekten, wenn er das Eintauchen in eine mystische Welt zwischen
phantasievollem Liebestraum und farbenfroher Idylle beschwört. Der Leser/Hörer
verinnerlicht durch eine immerwährende Wiederholung nicht nur wohlklingende, sondern auch
gleichklingende Worte, die symbolisch auf die Welt einer besonders empfindsamen
Wahrnehmung hinweisen. Dazu gehören perpétuer, clair, léger und l'air in
den ersten zweieinhalb Zeilen. Die darauffolgende selbstkritische Befragung, ob die
Liebelei lediglich das Produkt eines Traumes war, führt den gerade eingeführten Klang in
air dahingehend fort, daß er ihn mit den Labiodentalen [f] und [v] anreichert. Das Wort réfléchissons
am Ende diese Absatzes leitet dann zum nächsten Klangbereich über.
Aimai-je rêve?
Mon doute, amas de nuit ancienne, s'achève
En maint rameau subtil,qui, demeuré les vrais
Bois même, prouve, hélas! Que bien seul je m'offrais
Pour triomphe la faute idéale de roses.
Réfléchissons
(25)
Die Bezeichnung Klangmalerei wird dabei durchaus der Intention Mallarmés gerecht, der
poetischen Sprache eine neue Qualität durch eine stärkere Betonung der Klanglichkeit zu
geben und dabei formelle Aspekte zurückzustellen. Vor diesem Hintergrund lässt sich
nachvollziehen, in welchem Maße der Komponist Debussy von diesem Gedicht fasziniert war.
3. Debussys musikalische Umsetzung von L'apres Midi D'un Faun
3.1. Ideengeschichtliche Bezüge
Wie Mallarmé eine
Schlüsselposition in der Literaturgeschichte unter den Symbolisten und deren Wirkung auf
die literarische Postmoderne einnimmt, gehört Debussy zu den herausragenden
Repräsentanten einer Komponistengeneration, deren Einfluß in der Musik des 20.
Jahrhunderts nachhaltig zu spüren ist. Bezeichnenderweise widmete sich Debussy Mallarmés
Gedicht L'apres Midi D'un Faune, um es als Inspiration für ein Instrumentalwerk
zu nutzen. Debussy war bei den exklusiven Dienstag-Zusammenkünfte bei Mallarmé zugegen,
an denen unter anderem auch James MacNeill Whistler, Paul Gauguin, Edvard Much, Oscar
Wilde und Paul Verlaine teilnahmen. Nach Angaben von Edward Lockspeiser gehörte Debussy
zu den engsten Freunden Mallarmés.(26)
Wenn Mallarmé die sprachtheoretischen Schemata von Syntax und Grammatik aufbricht, um zu
einer von verbrauchten Tropen befreiten Kommunikationsform zu gelangen, nimmt Debussy
diesen Ansatz auf und wendet ihn auf die traditionellen Kompositionsmechanismen der
Klassik und Romantik an. Obwohl gewisse äußere Merkmale eine strenge strukturelle
Parallelität vermuten lassen, zeigt eine genaue Analyse, daß Zusammenhänge eher auf der
stilistischen und semantischen Ebene zu finden sind. Eine ähnliche Vorgehensweise
bevorzugte auch Pierre Boulez, der in seiner zweiten Improvisation sur Mallarmé
den Gehalt des Gedichtes wiederzugeben versuchte.
To my mind Mallarmé's poem has its own beauty,
which need no addition of any kind. In order to enjoy the actual beauty of the text
itself, the poem should be recited. At the same time it seems to me a bad plan simply to
follow the course of the poem. My idea is to communicate its internal structure, and to
place this in the closest possible relationship to my music. In order to do this I can -
indeed I must - allow myself considerable liberties; I consider that the relationship
between poem and music is on a higher plane than that of a mere respect for scansion and
rhyme - on the semantic plane, in fact. (27)
Zurecht verweist Boulez auf die Selbständigkeit von Mallarmés Gedicht,
dessen musikalische Umsetzung keine Vertonung des Inhalts, sondern eine stilistische
Transformation darstellen müsse. Die Verbindung zwischen Dichtung und Musik verlaufe auf
einer höheren semantischen Ebene, die eine Erfassung des Gehaltes anstrebe, anstatt die
metrische Gliederung umzusetzen. Wenn man Alfred Cortots Beschreibung von Debussys
Verwandtschaft mit Mallarmés Dichtkunst richtig liest, zeigt sich in ähnlicher Weise,
daß es dem Musiker vor allem um eine Gefühlsstimmung, nicht um eine szenisch-inhaltliche
Umsetzung der symbolistischen Vorgaben ging. Debussy suchte demzufolge nach
Ausdrucksmitteln, "die seine ganz spezifische Sensibilität mit den reinen
dichterischen Formen Baudelaires und Verlaines sowie Stéphane Mallarmés konfrontierten
oder mit solchen Gefühlen, die wie bei Maeterlinck zu schweben scheinen zwischen zwei
Wassern und deren schlafendes Geheimnis seine Musik erhellen wird".(28)
Cortot spricht von "spezifischer Sensibilität" und "Gefühlen", die
Debussy zu neuen musikalischen Ansätzen führte. Garre beschrieb die Zusammenhänge
treffend mit "geistiger und stilistischer Nachbarschaft"(29).
Als dritte Instanz wird hierbei die Dichtungstheorie Edgar Allan Poes relevant, dessen
"Philosophy of Composition" nicht nur auf Mallarmé, sondern auch in gleichem
Maße auf Debussy eine große Anziehungskraft ausübte. Der hier unternommene Versuch, die
Poesie aus der Sphäre der Intuition und den Dichter von dem romantisierten Mythos der
Geniebegabung zu befreien, um zu einer Versachlichung von Kunst vorzudringen, wirkt als
Impulsgeber für die literarischen Symbolisten und musikalischen Impressionisten.(30)
Debussys Kompositionsweise wurde wiederholt durch seine in Briefen geäußerte Faszination
mit der "Chemie des Klanges" und der "nouveauté chimique" (chemische
Neuheit) mit einer wissenschaftlichen Annäherung an seine musikalischen Übertragungen
von Ideen in Verbindung gebracht.(31)
Friedrich versucht Verbindungen zwischen Mallarmé und Debussy über die Idee von Kunst
als "Glanz der Lüge" zu knüpfen. Nach Debussy muß die Lüge ähnlich wie das
Spiel unter einer äußerst engen Beziehung zum Leben gesehen werden. Debussy schreibt:
Die Kunst ist die schönste unter den Lügen. So
eifrig man sich auch bemüht, das Leben in seiner alltäglichen Gestalt zu schildern, man
muß wünschen, daß sie eine Lüge bleibe und sie nicht zu einer nützlichen Sache
herabsinke, trostlos wie eine Fabrik. Wie, will nicht Hoch und Nieder in der Kunst
Vergessenheit suchen, und ist nicht Vergessen auch nur eine Form der Lüge? Das
verführerische Lächeln der 'Gioconda' hat wohl in Wahrheit niemals existiert, und doch
währt ihr Liebreiz ewig. - Reißen wir doch niemanden aus seinen Illusionen, zerren wir
ihn nicht aus seinen Träumen in die krasse Wirklichkeit [
] Begnügen wir uns mit
der tröstlicheren Phantasiewelt, sie allein kann uns den Ausdruck einer Schönheit
vorspiegeln, die nicht vergeht.(32)
Debussy verweigert sich gegenüber naturalistischen Darstellungsweisen und
einer phantasievollen Flucht aus einer von Hoffnungslosigkeit geprägten Alltagswelt.
Stattdessen öffnet er Tore zu illusorischen Halbwelten, in denen Ideal und Wirklichkeit
zwar verwischen, aber nie dergestalt voneinander getrennt sind, daß seine Klangmalereien
als Lügen diffamiert werden könnten. In der Illusion verbirgt sich eine Wahrheit, die in
ihrer reinen Form in der Welt der Erscheinungen kaum auszumachen ist. In der Kunst läßt
sie sich allerdings abbilden, wie das erwähnte "verführerische Lächeln der
'Gioconda'" zeigt. In Debussys Kunstauffassung steht die Kunst der Natur am nächsten
und drückt insofern tiefste Wahrheiten aus.(33)
3.2. Formale Parallelen zwischen Gedicht und Komposition
Ein Vergleich zwischen Mallarmés Gedicht und Debussys musikalischer Umsetzung muß die
Arbeiten auf formelle Parallelen untersuchen und intermediale Beziehungen herausarbeiten.
Der erste Bereich gestaltet sich insofern schwierig, da Debussy seine
"Vertonung" ursprünglich als dreiteiliges Orchesterstück angelegt hatte, das
aus einem Prélude, einem Interlude und einer Schlußparaphrase bestehen sollte.
Allerdings reichte seine kompositorische Arbeit nicht über das Prélude hinaus, so daß
es wenig Sinn macht, die Komposition mit der inhaltlichen Darstellung des gesamten
Gedichtes in Beziehung zu setzten. Unter Umständen geht die Intention einer
kompositorischen Dreiteilung auf Mallarmés Grundidee aus den frühen 1860er Jahren
zurück, L'après Midi D'un Faune als szenische Konzeption zu entwerfen, die aus
drei Teilen bestanden hätte: einem Monologue d'un Faune, Dialogue des
Nymphes und Réveil du Faune. Doch da Debussy vermutlich erst durch die Rezension in
der symbolistischen Zeitschrift La Vogue von Theodor de Wyzewas auf das Gedicht
aufmerksam wurde, bevor er es schließlich 1887 seinem Freund Paul Dukas mit großer
Begeisterung empfahl(34), scheinen diese gemeinsamen Ansätze
in keiner ideengeschichtlichen Verbindung zu stehen. Die in der Forschung herausgestellten
formellen Zusammenhänge, die sich zwischen den 110 Zeilen von Mallarmés L'apres Midi
D'un Faune und den 112 Takten von Debussys Prélude ergeben, sind in diesem
Zusammenhang wohl eher zufälliger Natur und weniger Ausdruck einer bewußt eingesetzten
formellen Parallelführung. Wenig ergiebig ist auch eine Gegenüberstellung der
Gliederungspunkte, die sich im Gedicht anhand von Kursivdruck und Absätzen manifestieren,
bei Debussy sich anhand von motivisch-harmonischer Kompositionsarbeiten wie folgt
darstellen:
Takte
1) 1-30
2) 31-36
3) 37-54
4) 55-78
5) 79-93
6) 94-110
Im dritten Abschnitt, also etwa in der Mitte der Partitur (T. 37-54), beginnt das
Orchester in großer Breite zu schwelgen. Debussy fügt als Anmerkung en animant
in Takt 37 und später in Takt 44 Toujours en animant hinzu. Auch hier
ist die Suche nach einer formalen Parallelführung unangebracht, da wie schon zuvor
erwähnt wir nicht wissen, wo Debussy eine Dreiteilung des Gedichts für seines
Instrumentalwerkes vornehmen wollte. Den oben erwähnten breit angelegten orchestralen
Abschnitt mit dem mittleren Teil des Gedichtes zu vergleichen, kann daher nicht die wahre
Intention des Komponisten treffen. Darüber hinaus bietet die spieltechnische
Ausdrucksangabe en animant keinen konkreten Hinweis auf eine mögliche
Parallelstelle im Gedicht, da das sehnende Schwelgen in Liebesphantasien das Leitmotiv von
Mallarmés L'apres Midi D'un Faune bildet. Ein augenscheinlicher Zusammenhang
liegt hingegen in der Positionierung der Generalpause in Takt 6 und dem Zeilenumbruch
gleich zu Beginn von Mallarmés Gedicht vor. In beiden Medien wird nach der ersten
Vorstellung des Flötenthemas bzw. der ersten Hinweisen auf die Begierden des Fauns
innegehalten, bevor sich die folgenden Bilder literarisch und musikalisch entfalten. Doch
auch hier wurde in der Sekundärliteratur eine vollkommen andere Variante bereits
angeboten, die letztlich die Offenheit der Komposition belegt und eindeutige
Stellungnahmen nahezu aussschließt. So stellt Bernd Graßmann mit unerschütterlicher
Sicherheit fest: "Das [L'apres Midi D'un Faune] ist der panische Schrecken,
mit dem die Musik in einer Generalpause erstarrt (Takt 6)."(35)
Letztlich bleibt Mallarmés eigene Stellungnahme zum Aussagegehalt von Debussys
Komposition in ihrer Vagheit der angemessenste Referenzpunkt: "Diese Musik setzt die
Stimmung meines Gedichtes fort und schafft ein noch herrlicheres Dekor als es die Farbe
könnte."(36)
Zur musikalischen Umsetzung der oben beschriebenen Begierde, des lustvollen Sehnens und
Verlangens verwendet
Debussy eine ungewöhnliche Orchestrierung, die er während Proben bis kurz vor der
Uraufführung zu perfektionieren versuchte. Auffällig ist der Verzicht auf Trompete,
Posaune und Schlagwerk und die Betonung der Holzbläser. Debussys Nomenclature des
Instruments umfaßt 3 Flöten, 2 Holzbläser, 2 Clarinetten (en la), ein
Englischhorn, 2 Fagotte, 4 Hörner (en fa), 2 Harfen, Glocken ohne Schlegel und
ein Streichquintett.
3.3. Kompositorische Besonderheiten
Eine augenscheinliche direkte Umsetzung von dichterischem Inhalt in musikalische
Strukturen stellt das Flötenspiel des Fauns dar. Mallarmé spricht das Säuseln des Fauns
Flöte erst in Zeile 19 an ("Ne murmure point d'eau que ne verse ma flûte"(37)).
Debussy hingegen läßt die Flöte des Fauns gleich zu Beginn ertönen und symbolisiert
damit musikalisch die mythische Gestalt. Das viertaktige Flötenthema beginnt unbegleitet
und läßt die Frage nach der Tonalität unbeantwortet. Die beiden ersten Takte sind
identisch. Das Faunmotiv beginnt mit einer chromatischen Abwärtsbewegung, die den
Intervallabstand eines Tritonus (cis''-g') umfaßt. Danach steigt das Motiv wiederum
chromatisch in drei 16tel Noten und kehrt zum Ausgangston cis" zurück. Die
Aufwärtsbewegung verläuft nicht in einer symmetrischen Gegenbewegung. Der
Intervallabstand der kurz zuvor eingeführten 16tel-Triolen verändert sich leicht. Diese
Phrase wird wiederholt, bevor das Abschlußmotiv erklingt, das im Umfang einer Oktave das
Tonmaterial einer E-Dur Tonleiter nutzt.

Abbildung 1: Flötenthema des Fauns
Dem getragenen Flötenmotiv (très modéré) wird ein Glissando
der zweiten Harfe gegenübergestellt, das in seiner
Aufwärtsbewegung an das imaginäre Aufkommen von Gefühlen und Bildern erinnert und
schließlich in der vollkommenen Stille einer Generalpause verstummt. Im folgenden Anheben
der Instrumente übernimmt die erste Harfe die Funktion des erneuten Beschwörens durch
ein Glissando und leitet somit zur Wiederholung des Flötenthemas über. Im
Gegensatz zur Vorstellung des Themas als Flötensolo begleiten nun Streicher im pianissimo,
wobei sich die Harmonien von D-Dur im ersten Teil nach d-Moll im zweiten Takt verschieben.
Die Klarinetten bezeugen diesen Wechsel durch die jeweiligen Terz- und Quinttöne.
Insgesamt erklingt dieses Thema zehnmal. Von besonderer Bedeutung erweist sich hierbei
weniger die leichten Abwandlung des motivischen Grundmaterials, sondern die immer wieder
andere Akzente setzende klangliche Umgebung, in der das Thema erklingt.(38)

Abbildung 2: Erste Wiederholung des Flötenthemas mit
Harmonisierung
In der Forschung wurde wiederholt die monothematische Struktur des Werkes
hervorgehoben, das sich damit von dem klassischen Prinzip des Themendualismus stark
abhebt. Aus dem Flötenthema werden nahezu alle musikalischen Gedanken entwickelt. Das
motivische Material wird dabei in Versatzstücke aufgebrochen, um in immer wieder neue
harmonische und klangfarbliche Zusammenhänge gestellt zu werden.(39)
Damit wird der Komponist einem wesentlichen Merkmal des dem Werk zugrunde liegenden
Gedichtes gerecht, das einen arkadischen Monolog zum Gegenstand hat.(40)
Eine Analyse im klassischen Sinne führt aufgrund der von Debussy durchgeführten, gegen
traditionelle Schemata gerichteten Kompositionsweise zu wenig befriedigenden Resultaten.
Wenn Elke Lang-Becker am Ende ihrer Werkanalyse zu L'après Midi D'un Faune mehr
Fragen aufwirft, als sie Antworten gibt, zeigt dies, daß das Werk sich einer klassischen
Aufschlüsselung von musikalischer Syntax und Kadenzfunktion entzieht.
Beginnt jedoch der dritte Teil wirklich in T.
79? Sprechen die verschiedenen Wandlungen und Ableitungen des Hauptthemas für eine frei
gehandhabte Variationsform? [
] Trifft er [Gedanke der motivischen Arbeit] jedoch auf
die Abschnitte außer den dynamischen T. 31-36 und T. 79-93? Was heißt überhaupt Form in
diesem Werk?(41)
Die Erkenntnis, daß in Debussys Prélude die einzelnen
Abschnitte nur vage voneinander geschieden sind, hängt unter Umständen damit zusammen,
daß die Übergänge in Mallarmés Gedicht ebenfalls keine befriedigende Einteilung
bilden. Zwar lassen sich einzelne Abschnitte aufgrund der Absätze und des inversen
Schriftsatzes unterscheiden. Diese Einteilungen stimmen jedoch in der Regel nicht mit den
stilistischen und inhaltlichen Aspekten überein. So wird in Zeile 29 durch die
Kursivschrift ein deutlicher Akzent gesetzt und durch die Aufforderung "CONTEZ"
eingeleitet. Inhaltlich bleibt die Darstellung allerdings ein Monolog. Es sind gerade
nicht die angesprochenen Teiche, die über das erotische Flötenspiel des Fauns berichten.
Eine ähnliche ambivalente Einteilung liegt in den Übergängen der Zeilen 78/79 sowie
85/86 vor. Auch hier wird der Monolog zwar durch satztechnische Setzungen optisch in
Abschnitte eingeteilt; inhaltlich lassen sich aber keine wesentlichen Anhaltspunkte für
eine derartige Maßnahme finden. In diesem Zusammenhang gelingt dem Dichter die in seiner
Schrift La musique et les lettres beschriebene Illusionstechnik(42)
auf drei Ebenen zu transformieren: erstens sind die erotischen Bilder des Fauns Trugbilder
seiner Fantasie. Dazu gehören zweitens auch die Teiche, deren Stimme er selbst
übernimmt. Drittens wird die Täuschung durch ein unterschiedliches Schriftbild nach der
Aufforderung "CONTEZ" auf optischer Ebene vollzogen. Die von Lang-Becker in
Bezug auf das Prélude aufgeworfene Frage, "was heißt überhaupt Form in
diesem Werk?" kann auch in gleicher Weise auf Mallarmés Gedicht umgemünzt werden.
Bilanz
Der von
Mallarmé in "La musique et les lettres" aufgeworfenen Frage, "Wozu dient
das alles?", haben sich seit der Veröffentlichung dieses kryptischen Textes drei
Generationen von Literaturkritikern gestellt. Nach umfangreichen Analyseansätzen zu
Debussys musikalischer Umsetzung von L'après Midi D'un Faun kann die
Musikwissenschaft lediglich mit weiteren Fragen aufwarten, da sich die Komposition mit
ihrem intermedialen Ansatz dem klassischen Instrumentarium der Analyse entzieht. So
scheint Mallarmés eigene Antwort auf den Sinn und Zweck seiner Arbeit ein Hinweis auf den
adäquaten Umgang mit Werken der symbolistischen Tradition zu sein: "Zu einem
Spiel". Debussys abwechslungsreicher Einsatz von Klangfarben und die auf kein
harmonisches Ziel gerichtete motivische kompositorische Arbeit deutet ebenfalls auf ein
Spiel mit Klängen hin, die bewußt eine endgültige Kategorisierung und Festschreibung
vermeidet. Für den Musikwissenschaftler muß letztlich Debussys eigene Stellungnahme zur
Musik zu großer Zurückhaltung mahnen. "Die Musik beginnt da, wo das Wort endet, sie
gibt Unaussprechliches wieder; sie muß aus dem Schatten kommen, verschwiegen sein".
Das Paradoxon zwischen musikalischem Hervortreten und gleichzeitiger Stille konfrontiert
den Kritiker mit jenem mystischen Freiraum, den der Komponist Debussy nicht anders wie
Mallarmé für seine Kunst beansprucht. Im Falle von L'après Midi D'un Faune und
der Prélude läßt sich eine wechselseitige emotionale Beziehung intuitiv
verstehen; sie über analytische Deduktionen und kompositorische Parallelführungen zu
erfassen, ist allerdings mit dem gegenwärtigen Instrumentarium zum Scheitern verurteilt.
ANMERKUNGEN:
(1) Die Herausforderung für
den Dichter bestünde darin, eine bestimmte Wirkung bzw. einen Effekt beim Leser auf
optimale Weise hervorzurufen. Diesem Diktum seien alle ästhetischen und inhaltlichen
Ausdrucksmöglichkeiten unterzuordnen. Musik und Töne sollen vorbildhaften Charakter für
die poetische Sprache übernehmen. Wie in der Musik ergäben sich in diesem Zusammenhang
auch für die Poesie gewisse Kompositionsregeln. Die Literaturforschung kritisierte
insbesondere in den 80er Jahren dieses Jahrhunderts Poes technomorphe
Konstruktionsprinzipien, die metaphysische Sinnkonstruktionen nur noch als sinnliche
Surrogate zu vermitteln suchen. Vgl. Ulrich Horstmann, Ansätze zu einer technomorphen
Theorie der Dichtung bei Edgar Allan Poe. Frankfurt/Bern, 1975. Im frühen 19.
Jahrhundert finden sich auch in der deutschen Romantik zahlreiche Versuche, Dichtung in
den Einflußbereich der Musik zu rücken. In dem Aufsatz Das eigentümliche innere
Wesen der Tonkunst, und die Seelenlehre, der heutigen Instrumentalmusik will der
Autor Wilhelm Heinrich Wackenroder eine berechnende Annäherung zwischen Musik und Poesie
herbeiführen. Vgl. Christine Lubkoll, Mythos Musik: Poetische Entwürfe des
Musikalischen in der Literatur um 1800. Freiburg im Breisgau: Rombach, 1995. S. 139
ff.
(2) Kathleen Morner und Ralph Rausch (Hg.), NTCs Dictionary of
Literary Terms. Lincolnwood: National Textbook Company, 1991. S. 218.
(3) Vgl. Johannes Hauck, "Nachwort". Stéphane Mallarmé:
Sämtliche Dichtungen. München: DTV, 1995. (312-330). S. 312.
(4) Mallarmé, "La musique et les lettres". S. 274.
(5) Das Neue Fischer Lexikon. 10 Bde. Frankfurt a.M.: Fischer,
1981. Bd. 9, S. 5664.
(6) Stéphane Mallarmé Musik und Literatur. Stéphane
Mallarmé. Sämtliche Dichtungen. München: DTV, 1995. (272-277). S. 272.
(7) Vgl. Helmut Schmidt-Garre, "Rimbaud - Mallarmé - Debussy:
Parallelen zwischen Dichtung und Musik". Musik im Unterricht. Zeitschrift für
Musik in Schule und Lehrerbildung. 58 (1967): 157-167. S. 162.
(8) Mallarmé, Musik und Literatur. S. 273.
(9) Ibid. S. 274 und S. 276.
(10) Ibid. S. 274.
(11) Emerson verfolgte eine dichterische Sprache, die keine Illusion
erzeugt, sondern die bildhafte Erscheinungswelt direkt benennt, so daß sie auf ihren Sinn
hin erkennbar wird. Vgl. Ralph Waldo Emerson, "Nature". Nature, Addresses,
and Lectures. Cambridge: Harvard University Press, 1979. S. 17 ff.
(12) Ibid. S. 275.
(13) Vgl. Stéphane Mallarmé, Verskrise. Stéphane
Mallarmé. Sämtliche Dichtungen. München: DTV, 1995. (277-288).
(14) Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung. 3
Bde. Köln: Könemann, 1997. Bd. 2. S. 597.
(15) Mallarmé, Musik und Literatur. S. 275.
(16) Ibid. S. 277. que la musique et les lettres sont la fqace
alternative
dun phénomène, le seule, je lappelai,
lIdée.Mallarmé, Ouvres complètes. Paris: Gallimard, 1945. S. 649.
(17) Der Faun repräsentiert einen altlatinischen Fruchtbarkeitsgott. Der
Sohn des Gottes Mars und Enkel des Saturn gilt als Beschützer von Hirten und Bauern, Vieh
und Äckern. Er wird dem griechischen Pan gleichgesetzt und wie dieser gehörnt und
bocksbeinig dargestellt.
(18) Stéphane Mallarmé, "L'Après-Midi D'un Faune". Sämtliche
Dichtungen. Übersetzung der Dichtungen von Carl Fischer. München: DTV, 1995.
(60-67). S. 60. Zeilen 1-6.
(19) Ibid. S. 60. Zeile 28.
(20) Ibid. S. 62. Zeile 66.
(21) Ibid. S. 66. Zeile 117.
(22) Ibid. S. 60. Zeilen 19 u. 20.
(23) Ibid. S. 62. Zeilen 47 u. 48.
(24) Ibid. S. 64. Zeile 89.
(25) Ibid. S. 60. Hervorhebungen durch den Verfasser.
(26) Vgl. Garre, "Rimbaud - Mallarmé - Debussy". S. 159.
(27) Pierre Boulez "Constructing an Improvisation: Deuxième
Improvisation sur Mallarmé". Orientations. Collected Writings of Pierre Boulez.
Jean-Jacques Nattiez (Ed.). Cambridge: Harvard University Press, 1981. (155-173). S.
169-70.
(28) Zitiert nach Garre, "Rimbaud - Mallarmé - Debussy". S.
159.
(29) Vgl. ibid., S. 159.
(30) Über einen Zeitraum von 15 Jahren trug sich Debussy mit dem
Gedanken, die Kurzgeschichten französischen Übersetzungen der Poeschen Kurzgeschichten
"Le Diable dans le Beffroi" und "La Chutte de la Maison Usher" in Form
einer Oper musikalisch umzusetzen, ohne zu einem praktischen Ergebnis gelang zu sein.
(31) Vgl. Garre, "Rimbaud-Mallarmé-Debussy". S. 158.
(32) Zitiert nach Garre, "Rimbaud-Mallarmé-Debussy". S. 162.
(33) "Die Musik ist genau die Kunst, die der Natur am nächsten
steht, die die feinste Schlinge um sie spannt." Zitiert nach Garre,
"Rimbaud-Mallarmé-Debussy". S. 165.
(34) Michael Stegemann führt aus, daß zu selbst zu diesem Zeitpunkt
noch keine Vertonungsabsicht seitens Debussy nachweisbar ist. "Claude Debussy:
Prélude à l'après midi d'un faune". Neue Zeitschrift für Musik. 2
(1987): 28-30. S. 28. Zur Vertonung des Gedichts liegt Debussy die mit bei Derenne
erschienene Ausgabe aus dem Jahre 1876 zugrunde, die mit handkolorierten Holzschnitten von
Edouard Dujardin illustriert ist.
(35) Bernd Graßmann, "Zu Claude Debussys 'Prélude à l'après midi
d'un faune'". Musik und Bildung. Zeitschrift für Theorie und Praxis der
Musikerziehung. 4 (1982) : 224-228. S. 225.
(36) Claude Debussy, Lettres. Paris, 1980. S. 189.
(37) Mallarmé, "L'après-Midi D'un Faune". S. 60.
(38) Für eine Analyse der Partitur siehe Elke Lang-Becker, "Claude
Debussy: Prélude a L'après-midi d'un faune." Werkanalyse in Beispielen.
Siegmund Helms und Helmut Hopf (Hg.). Regensburg: Bosse Musik Paperback, 1986. (266-271).
(39) Vgl. z.B. Graßmann, "Claude Debussy". S. 29.
(40) Mallarmés Gedicht wurde zum Ausgangspunkt einer neuen
Gattungsbezeichnung in der Dichtung: "arkadischer Monolog".
(41) Lang-Becker, "Claude Debussy". S. 270.
(42) Vgl. Mallarmé, "La musique et les lettres". S. 274.
(43) Mallarmé, "La musique et les lettres". S. 274.
(44) Zitiert nach Garre, S. 164.